„Das Flugzeug bauen, während es fliegt: KI und wissenschaftliche Bibliotheken“
Im Rahmen unserer DGI-Vortragsreihe „KI: Vom Wunderkind zum Allrounder“ – mittlerweile in der 23. Ausgabe seitdem wir im Januar 2023 gestartet sind – stellten Dominique de Roo (Chief Strategy Officer, De Gruyter Brill) und Annika Bennett (Gold Leaf) am 14.September 2026 die Ergebnisse einer weltweiten Studie zu KI-Perspektiven in wissenschaftlichen Bibliotheken vor. Im Auftrag von De Gruyter Brill hatte das Marktforschungsinstitut Gold Leaf im Herbst 2025 eine Umfrage mit 311 Antworten aus 31 Ländern sowie 12 vertiefenden Interviews mit Bibliothekarinnen und Bibliothekaren weltweit durchgeführt.
Der Titel der Präsentation stammt aus einem dieser Interviews: Eine Bibliothekarin beschrieb den Umgang mit KI als „building the airplane while flying it“ – man baue das Flugzeug, während man bereits darin fliegt.
Legitim ist nicht gleich überzeugt
Rund 90 Prozent der Befragten sehen in der Nutzung von KI an ihrer Einrichtung ein legitimes Werkzeug – doch Legitimität ist nicht gleich Überzeugung: In fast allen Regionen zeigten sich Bibliothekarinnen vorsichtiger als ihre Leitungsebene und als die Forschenden selbst. Die Skepsis zur konkreten Nutzung war in Europa am größten, in den USA am geringsten – wobei Kanada fast durchgängig ablehnend antwortete, teils mit deutlich emotionalen Kommentaren.
Richtlinien: kein Regelungsvakuum, aber viel im Aufbau
Weltweit gaben knapp die Hälfte (47 Prozent) an, ihre Einrichtung habe bereits eigene KI-Richtlinien entwickelt, gut ein Drittel (36 Prozent) arbeitete daran. Der Rest verwies überwiegend darauf, dass bestehende Richtlinien zu Plagiaten und Ethik die KI-Nutzung bereits ausreichend abdecken – ein echtes Regelungsvakuum ist also die Ausnahme, nicht die Regel. Fortbildungen zum Thema bot laut Umfrage weltweit rund zwei Drittel der Bibliotheken an (65 Prozent), etwa ein Drittel (35 Prozent) nicht. Die Studie macht dennoch deutlich: Bibliotheken wird oft zugetraut, Verantwortung für eine Technologie zu übernehmen, die sie weder ausgewählt noch vollständig durchdrungen haben.
Kaum jemand ist bereit zu zahlen
Das meistgenutzte KI-Tool (173 von 311 Antworten) war Microsoft Copilot, vor ChatGPT (138). Genutzt wurde es vor allem, weil es ohnehin in bestehende Office- und E-Mail-Umgebungen integriert ist und weil man sich beim Datenschutz sicherer fühlte. Bezahlt wurde dafür jedoch kaum: Nur 36 der Befragten nutzten kostenpflichtige Versionen. Zwei Drittel gaben an, in Zukunft nicht extra für KI-Tools zahlen zu wollen – in Afrika lag die Ablehnung bei 100 Prozent, allerdings vor allem mangels Budget. Überraschend war die hohe Zahlungszurückhaltung in den USA, die bei anderen Fragen sonst zu den enthusiastischsten Regionen zählten. Am ehesten akzeptiert würden kleine prozentuale Aufschläge auf bestehende Lizenzen – reine Pro-Nutzer- oder Pro-Produkt-Modelle stießen auf wenig Zustimmung.
Wofür KI genutzt wird – und wo die Grenzen gesehen werden
In fast allen Regionen wurde KI am häufigsten zur Unterstützung beim Schreiben genannt. Übersetzung wurde vor allem dort als nützlich empfunden, wo Englisch nicht Muttersprache ist – Südamerika, Europa, Naher Osten, Indien und Asien. Mehr als 60 Prozent sahen zudem Potenzial für KI in Recherche und Discovery, etwa durch semantische oder KI-empfohlene Suche; hier zeigten sich Südamerika und Asien besonders begeistert.
Kontrovers diskutiert wurde in den Interviews die automatische Zusammenfassung komplexer Texte: Für die einen erleichtert sie den Zugang zu fachfremder Literatur, für die anderen untergräbt sie gerade den Lernprozess, den ein Studium – speziell in den Geistes- und Sozialwissenschaften – eigentlich vermitteln soll.
Ein geteiltes Stimmungsbild
Die Gesamteinschätzung variierte stark: In den USA teilten sich die Antworten in drei Lager – jene, die KI uneingeschränkt befürworteten, jene, die sie vorsichtig und mit Vorbehalten annahmen, und jene, die sich von den Implikationen überfordert und bestürzt zeigten. Kanada war nahezu durchgängig ablehnend, teils mit deutlicher Schärfe in den Formulierungen. Großbritannien und Irland äußerten sich vorsichtig und sahen sowohl viele Fallstricke als auch einzelne Vorteile. Europa zeigte insgesamt Besorgnis, aber wenig offene Ablehnung. Indien und die APAC-Länder nahmen generell eine pragmatischere Haltung ein und schätzten vor allem, dass KI bei der schnelleren Erledigung repetitiver Aufgaben helfen kann – die chinesischen Befragten waren dabei besonders enthusiastisch und sahen in KI klar ein Mittel, um die eigene Einrichtung voranzubringen. In Afrika wurde KI pragmatisch positiv bewertet (vor allem beim Schreiben und Übersetzen), jedoch ohne erkennbare Strategie dahinter – schlicht mangels Budget und Ressourcen für Koordination. Genau hier liegt laut den Studienautorinnen auch eine unbeabsichtigte Nebenwirkung der KI-Entwicklung: Einrichtungen im globalen Süden, die sich KI-Produkte schlicht nicht leisten können, drohen von den Möglichkeiten ausgeschlossen zu bleiben, die KI-Tools jenseits der Basisversionen bieten.
Fazit
Die Studie ist eine Momentaufnahme vom Herbst 2025. Seither hat sich vieles weiterentwickelt. Selbst überzeugte KI-Befürwortende sehen einen klaren Bedarf an ethischen Leitlinien und Fortbildung – während gerade das Bibliothekspersonal, das diese Leitlinien erarbeiten soll, oft selbst noch nicht ausreichend geschult ist. Auffällig ist zudem, dass plattformübergreifende Tools wie ChatGPT und Copilot deutlich häufiger genutzt werden als KI-Angebote einzelner Verlage, die nur auf bestimmte Datenbanken zugreifen. Insgesamt, so das Fazit der Studie, war es noch zu früh, um verlässlich zu sagen, wohin die Reise geht. Wir bleiben gespannt!