Thesen, Perspektiven, Positionen

22.08.2016

Menschliche Erfahrung und algorithmische Exzellenz zusammen bringen
Die DGI-Mitglieder diskutieren die zentralen Aspekte des digitalen Wandels untereinander und mit der Öffentlichkeit, mit Presse und Politik, mit Wirtschaft und Wissenschaft bei Veranstaltungen und Workshops, analog und digital, via IWP und Social Media.
Leitgedanke ist, dass menschliche Erfahrung, robuste Informationsinfrastruktur, Hardware-Innovationen und algorithmische Exzellenz zusammen gedacht und zusammen gebracht werden müssen. Warum sind Information Professionals prädestiniert für diese Aufgabe? Informatiker kennen die Algorithmen, aber selten die Nutzer; Information Professionals kennen die Anwendungen und die Anforderungen der Praxis.

Digitale Souveränität und souveräne Privatheit
In politischen Zusammenhängen ist der Souverän der Inhaber der Staatsgewalt. In Demokratien sind es die Wähler, die letzte Entscheidungen legitimieren. Dagegen meint der souveräne Umgang mit etwas das Können, die Beherrschung des Gegenstandsbereich oder des Werkzeugs. In dieser zweiten Lesart verwendet der IT-Planungsrat “Digitale Souveränität” in seiner Studie “Digitales Deutschland 2020”. Dabei zielt der IT-Planungsrat mehr auf Konzepte wie Medienkompetenz, Digitalisierung und Infrastruktur – also die Möglichkeiten der Teilhabe.

Die DGI versteht Digitale Souveränität in beiden Lesarten: Digitale Souveränität meint den kompetenten Nutzer, der die entsprechende Medien- und Informationskompetenz hat, der die Informationsqualität beurteilen und die digitalen Geräte und Dienste bedienen kann und es meint den Nutzer als digitalen Souverän, der Herr seiner Daten ist – natürlich in Abhängigkeit von der verfügbaren Infrastruktur und den Angeboten der Hard- und Softwareindustrie. Als Herr seiner Daten ist er der Souverän seiner Privatheit und kann jederzeit den Zugriff auf seine Daten ermöglichen oder entziehen.
(Digitales Deutschland 2020, Studie des IT-Planungsrats, durchgeführt von TNS Infratest, Oktober 2013)

Informationskompetenz fördern
Digitalisierung hat einen ganzheitlichen Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft – wie die Erfindung von Post und Telefon, Radio und TV, Schallplatte und Kassettenrekorder zusammen; heute kann jeder in Echtzeit kommunizieren und mobil publizieren. Die sozialen Massenmedien sind weltweit verbindend, fördern Verständigung, aber auch weltweiten Extremismus und können geschickt platzierte Falschmeldungen zu weltweiten Schlagzeilen machen. Wir müssen als Mediengesellschaft alte Kulturtechniken neu lernen. Ganz oben ein Kernkonzept der DGI: Informationskompetenz! Nicht Medien- oder Gadgetkompetenz, nicht Handhabung und Bediendetails, sondern: Information im situativen Kontext verstehen, die Qualität zeitnah beurteilen, die Inhalte einordnen und mit politischer und gesellschaftlicher Perspektive bewerten.

Diskurs über die Informations- und Wissensgesellschaft dynamisieren
Die DGI versteht das Internet als das Betriebssystem der globalisierten Wissensgesellschaft. Internet und Web bilden den Marktplatz der Datenwirtschaft, die Produktionsstätte der Smart Services, die digitale Dienste und physische Objekte verbinden. Design, Wertschöpfung, Transaktion, Kommunikation, Steuerung verwenden dieselbe Infrastruktur. Das gilt auch für Angriff und Verteidigung – Kontext Cyberwar – oder Diagnose und Therapie – Kontext e-Health. Vollkommen offen ist, ob sich utopische oder dystopische Szenarien durchsetzen werden. Vollkommen klar ist, dass IT-Sicherheit missionskritisch ist.

Die DGI fordert und fördert den Diskurs über die wünschbare und wünschenswerte Weiterentwicklung der Informations- und Wissensgesellschaft. Aber ist die DGI damit überfordert? Gehören die DGI-Mitglieder und die Absolventen der Informationswissenschaft zur „Reflexionselite“, die von Constanze Kurz in der FAZ (2.03.2016) gefordert wird?

Der Anspruch ist ambitioniert und die DGI sollte sich ihm stellen. Wenn man durch den Betrieb einer Suchmaschine zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt werden kann, sollten die Information Professionals Vorschläge formulieren können, wie der Zugriff auf und der Fluß von Information so gestaltet werden können, dass die Gesellschaft profitiert, individuelle Überforderung ausbleibt, Dienstequalität gesteigert wird, Sicherheit und Privatheit nicht gefährdet werden.

Neugier reaktivieren, Technologieaffinität revitalisieren
Die Innovationsintensität der letzten Jahrzehnte ist historisch einmalig in Amplitude, Dynamik und Frequenz. Individuelle, aber auch gesellschaftliche Entwicklungszustände und Reifegrade überlappen nur teilweise. Innerhalb nur einer halben Generation konnte keine breite Anpassungs- und Nutzungskultur entwickelt werden und die medial omnipräsente Innovationseuphorie produziert auch Innovationsekel. Das kreiert Hürden, führt zu Reibung – in der Kommune, der Schule, der Politik, der Firma, der Familie. Verständlich, aber nicht zielführend.

Die DGI möchte motivieren, Innovationsvorbehalte zu überwinden, Neugier zu reaktivieren und Technologieaffinität zu revitalisieren. Personen und Organisationen – und da muss die DGI durchaus selbstkritisch sein – sollten Neugier als generelle Lebenseinstellung kultivieren, nicht als naives Vorrecht der Jugend, sondern als emotionale Grundlage für die Teilhabe an der sich sprunghaft verändernden Gegenwart.

Generationenübergreifende digitale Chancengerechtigkeit unterstützen
Die DGI fordert und fördert den generationenübergreifenden Dialog über die Weiterentwicklung und Ausgestaltung der digitalen Gesellschaft. Dabei ist es wichtig, Überforderung zu vermeiden und gleichzeitig Chancen zu nutzen. Kinder sollten nicht überhastet und unreif digitale Dienste nutzen. Stichworte dazu sind „Digitale Demenz“ oder „Cyberkrank“, dabei muss man die Analysen nicht generalisieren, aber aufgreifen sollte man sie.

Eltern und Großeltern sollten die Jugendlichen als informierte Berater begleiten können. Heranwachsende andererseits sollten die Älteren jederzeit motivieren, bestehende Nutzungshürden zu überwinden und neue Kommunikationsmittel und -formen auch noch als Rentner und Pensionäre für sich zu entdecken, um sich nicht abgehängt zu fühlen und nicht mit der jeweiligen Gegenwart zu fremdeln. Fernsehnachrichten werden mittlerweile durch weiterführende Informationen, Infografiken oder ungeschnittene Interviews auf den Webseiten der TV-Sender ergänzt. Zuschauer ohne Internetzugang sind zunehmend von wichtigen Informationsressourcen abgeschnitten.

Digitale Infrastruktur ausbauen
Der private oder gewerbliche Zugang zu digitalen lnformationsdienstleistungen ist ein essentieller Standortfaktor mit stetig zunehmender Bedeutung. Die Bereiche sind umfassend: Gesundheit (Diagnose, Therapie, aber auch Prävention), Bildung (Blended Learning, MOOCs), Wirtschaft (Industrie 4.0, Smart Services), Politik (Partizipation), aber auch Freizeit, Mobilität oder Tourismus.

Die DGI unterstützt den weiteren flächendeckenden Ausbau der 50MB-Breitbandinfrastruktur, aber auch die Einführung der 5. Mobilfunkgeneration als Investitionen für gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftlichen Erfolg. Die 5G-Funktechnologie, die Datenraten von über einem Gigabit je Sekunde erlaubt und sich mit einer Latenzzeit von nur einer Millisekunde auch für hochreaktive Echtzeit-Anwendungen eignet, kann die Produktionssteuerung revolutionieren, aber auch spritsparendes robotisches Kolonnenfahren auf der Autobahn ermöglichen.

Abstrakte Inhalte brauchen konkrete Anschauung
Nur eine informierte Öffentlichkeit kann auch informierte Entscheidungen treffen. Die mündigen Bürger der digitalen Gesellschaft sollten unbedingt in der Lage sein, technische und regulatorische Konzepte und deren sozioökonomischen Konsequenzen zu verstehen, damit Populismus keine Chance hat. Beispiele: Vorratsdatenspeicherung, Verschlüsselung, WLAN-Störerhaftung, Netzneutralität. Leider haben es die „Early Internet Adopter“, aber auch die DGI versäumt, für komplexe technische Konzepte möglichst intuitive Erläuterungen und griffige Analogien zu entwickeln, sondern haben vielmehr eine Fachterminologie verwendet, die die eigene Kompetenz verklärt – durchaus ein Geschäftsmodell für Systemadministratoren und IT-Berater, aber wenig hilfreich, wenn technologische Grundsatzentscheidungen rechtliche Konsequenzen haben und deshalb demokratisch legitimiert sein sollten.

Die DGI möchte dazu beitragen, dass die Entwicklung des Internet als Rückgrat der Wissensgesellschaft verstehbar bleibt, dass die mündigen Bürger in der politischen Debatte auch entscheidungswillig und entscheidungsfähig sind.

Plattformkapitalismus regulieren, innovative Geschäftsmodelle ermöglichen
Zentralisierung von Wissensressourcen, Monopolbildung und Plattformkapitalismus sind problematisch, aber keine Gründe nicht über den passenden Rechtsrahmen zu diskutieren, der Legalität mit Legitimität verbindet. Die DGI fordert und fördert den Diskurs über die wünschbare Weiterentwicklung der Daten- und Wissenswirtschaft. Die Entscheidungen des EuGH zum „Recht auf Vergessen“ und „Safe Harbor“ sind Wegmarken und haben 2014 und 2015 gezeigt, dass auch im Zeitalter des Internet noch juristische, nicht nur ökonomische Weichenstellungen möglich sind.

Die DGI setzt sich dafür ein, dass neue Geschäftsmodelle der Informations- und Wissenswirtschaft realisiert werden können – ohne dass sinnvolle Regulierung ausgehebelt wird.

Internationalen Rechtsrahmen befördern
Die DGI unterstützt den globalen Wissensaustausch und die Mobilität von Ideen – auf der Basis von verbindlichen Rahmenbedingungen, die grenzüberschreitend gültig sind und weltweit durchgesetzt werden. Der internationale Rechtsrahmen und die Institutionen für die Gewährleistung sind aktuell noch nicht existent, werden erst in ersten Ansätzen und nicht ausreichend intensiv diskutiert.

Die DGI unterstützt deshalb eine Wiederbelebung der Diskussion zu hoheitlichen Konzepten im Kontext des Datenverkehrs. Service Provider sollten einer Hinweispflicht unterliegen, wenn Daten oder Nachrichten die nationalen Grenzen des Senders verlassen. Falls Sender und Empfänger nicht in angrenzenden Staatsgebieten leben, müsste der Sender Informationen über den Transportweg erhalten, so dass er den ihm zusagenden Pfad auswählen kann. Das bedeutet eine steigende Komplexität für den Datenverkehr und die Service-Provider. Technologische Probleme brauchen technologische Lösungen. Geo-Fencing – also der Aufenthaltsort als Kriterium für den Zugriff auf einen Dienst – ist bei Videoplattformen wie Netflix oder Youtube zur Durchsetzung von Copyright- bzw. Nutzungsbeschränkungen für viele Nutzer eine alltägliche Erfahrung: „Dieses Video ist in Deinem Land nicht verfügbar“.

Industrie 4.0 als Chance für die Information Professionals begreifen
Die digitale Gesellschaft ist nicht einfach eine Industriegesellschaft nur mit mehr Lametta! Die Entwicklung hin zur Datenwirtschaft vollzieht sich seit 25 Jahren wahrnehmbar, seit 15 Jahren unübersehbar, seit 5 Jahren in allen Schlagzeilen. Wir sind nicht in der Industriegesellschaft eingeschlafen und in einer digitalen Gesellschaft aufgewacht. Bei der Eröffnung der CeBIT 2013 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden“. Der digitale Wandel betrifft alle Lebens- und Arbeitsbereiche.

Die DGI versteht Industrie 4.0 als 4. Industrielle Revolution. Industrie 4.0 bedeutet die nahtlose Verbindung von Internet-Technologie mit Warenwirtschaftssystemen (ERP) und Fabriksteuerung (MES) zu Cyber-physischen Produktionssystemen (CPPS). Die Verschränkung ermöglicht neue Produkte, neue Produktionsabläufe, neue Wertschöpfungsketten, neue Geschäftschancen und braucht Information Professionals, die den Entwurf von neuen Geschäftsmodellen unterstützen und die Realisierung begleiten. Was befähigt die Information Professionals dazu? Sie sind Experten für Informationsfluss und wo Information fließt, ergeben sich in der Datenwirtschaft Chancen für smarte Dienste, für Margen, Mehrwerte und Profite.

Künstliche Intelligenz und Technologiechancenabschätzung diskutieren
Die DGI fördert die Diskussion über die sich abzeichnenden Chancen und Folgen der bereits entwickelten und weiter zu entwickelnden algorithmischen Exzellenz, die Voraussetzung ist, um die Leistungsfähigkeit von physischen und virtuellen Maschinen zu erweitern. Künstliche Intelligenz, die Simulation menschlicher Wissensfähigkeiten, bedeutet auch, dass Wissensarbeit in größerem Umfang von Maschinen geleistet werden kann.

Technologiechancenabschätzungen beinhalten deshalb auch Prognosen zur Veränderung des Arbeitsmarkts und des Arbeitsumfelds, aber auch die Diskussion über die Gestaltung der sozialen Sicherungssysteme. Die entstehenden Fragen sind politisch und die Antworten werden nicht von den Information Professionals erwartet, aber die DGI fordert und fördert den Dialog über die Nutzung und Ausgestaltung dieser neuen Chancen und ist ein Gesprächspartner für die Lösungsentwicklung!

Perspektiven 2025
Das Netz der Daten, der Medien und der Information mutiert zum Internet der Dinge und Dienste, zum Web of Everything und danach zum Internet of Everythought. Privatheit verändert sich durch die Verfügbarkeit und allgegenwärtige Verwendung von Sensoren. Die Menge öffentlicher und privater Daten explodiert. Starke Verschlüsselung wird Standard. Nicht-Erreichbarkeit bekommt einen exotischen Status und erfordert die Entwicklung einer Erreichbarkeitskultur. Geschäftsmodellinnovationen werden nur noch begrenzt von der Fantasie der Akteure und dem gewählten Rechtsrahmen. Wie kann man mit der Informationsfülle umgehen, Wissen organisieren?

Die DGI fordert und fördert die Reflexion über die Perspektiven für 2025. Dabei geht es auch um das Verständnis der Eigendynamik eines in seinem Wesen emergenten Prozesses. Die DGI ist bereit und willens, die grundlegenden Veränderungen ohne Polarisierung zu diskutieren, ohne Analog-Nostalgie oder Digital-Naivität.

Zukunft braucht Herkunft
Informationsfachleute profitieren vom Digitalen Wandel, der Digitale Wandel profitiert von den Fähigkeiten und Fertigkeiten der Informationsspezialisten! Die richtigen Informationen zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, das sind wichtige Bausteine für die Industrie 4.0, aber auch Kernkompetenzen der Informationsspezialisten. Sie helfen, in immer komplexer werdenden digitalen Arbeitsumgebungen den Überblick zu behalten.

Vielleicht nicht originell, aber so ist das mit den Information Professionals: „Nie waren sie so wertvoll wie heute!“

Reinhard Karger, M.A.
Präsident, Deutsche Gesellschaft für Information und Wissen, DGI